DESY – Ein Abenteuer

25. August 2008

Rote Alarmlampen leuchten auf und eine elektronisch klirrende Frauenstimme erklärt, dass der Röntgenstrahl in wenigen Sekunden losgelassen wird. Jetzt bin ich froh, in der Hütte zuvor einen gelben Sicherheitsschlüssel in der Hand gehalten zu haben, der einen frühzeitigen Start des Experiments verhindert. Gleich treffen geballte Photonenbündel auf meine Probe, durchstrahlen sie und geben ihre Energie im Detektor, spätestens in der strahlenschützenden Bleiwand ab.

Eingequetscht zwischen der metallenen Wand des Kleinbusses und enormen Knoten verschiedenfarbiger Kabel, die aus den unmöglichsten Stellen der wertvollen Ladung hervorlugten, hatten wir den Weg nach Hamburg zurückgelegt. Wir, eine Handvoll Physiker, die am Synchrotron auf erhellende Messungen hoffen. Zwischen dem Ausladen der Geräte und dem ersten Spaghetti-Einkauf hatten wir die Zimmer bezogen. Winzige, vom Vormieter verrauchte Einmann-Kojen und geräumige Vierpersonenappartements mit Küche standen zur Wahl. Ausgestattet mit etwa zwei kleinen Löffeln und die Kaffeefiltertüten der Vorgänger aufbrauchend, ist man endgültig aufgenommen in den erlesenen Kreis derer, die keines privaten Lebens oder zusätzlicher Freuden neben denen eines Forschers bedürfen.

Der Messplatz ist erstaunlich komfortabel. Es gibt sogar ebenso viele Stühle wie Menschen, die sich gelegentlich darauf fallen lassen, auch wenn nicht jeder einen Blick auf den entscheidenden Bildschirm erhaschen kann. Nach schier endlosen Minuten nimmt auch das ständige Pfeifen, Kreischen, Poltern und Krachen in der eigenen Wahrnehmung ab und die riesige Halle mit ihren Kränen und Metallbrücken tritt in den Hintergrund. Die ersten Stunden sind erfüllt mit Installations- und Justage-Arbeiten. Für Neulinge bleibt in dieser Zeit nur ein Ausweg aus der überwältigen-den Nutzlosigkeit: Die Präparation der zu messenden Proben.
Bereits im heimischen Labor in stundenlanger Handgelenks-verkrümmung gemahlene Pulver sind den weiten Weg mitgereist und werden nun ausgepackt. Der Anfänger wird in das angrenzende, plötzlich unerträglich stille Bürogebäude geschickt. Auf einen Zahlencode hin öffnet sich das Chemielabor und vermittelt ein Gefühl der Eingeweihtheit. Später werden andere Wissenschaftler ein- und ausgehen, Fläschchen abliefern und rätselhaft glitzernde Substanzen abfüllen. Zunächst aber verbreiten leise surrende Töne und der Geruch von desinfizierendem Alkohol eine unwidersteh-liche Ruhe. Spätestens beim Blick auf die Präzisionswaage und die idealen Pulvermengen bin ich dankbar für die pulssenkende Stimmung. Bis die erste hellgraue Probentablette gepresst ist, vergehen die Minuten wie im Flug. Der zweite Anlauf nach dem unvermeidlichen Zerbrechen des fragilen Scheibchens erscheint dann deutlich mühsamer. Nach einigen Stunden ist eine ganze Phalanx dünner Plättchen zurechtgedrückt und mit stolzgeschwellter Brust und wackeligen Knien balanciere ich das mitgeführte Instrumenteorchester zurück in die Messhalle.

Ohrenbetäubender Lärm schwillt durch die erste, zweite, dritte geöffnete Metalltür immer weiter an, bis die längst vergessen geglaubten Geräusche anderer Experimente und Experimentatoren wieder einzeln identifizierbar werden. Der Aufbau steht, vorsichtig können die Tabletten zusammen-gepresster Lebenszeit in einer Halterung festgeklemmt werden und dreißig Sekunden, nachdem ein befugter, erfahrener Forscher mit dem entscheidenden, roten Schlüssel eine Vierteldrehung vollzogen hat, verstummt die warnende metallische Stimme wieder. Der Strahl durchleuchtet die Probenmasse. Die einzig sichtbare Auswirkung besteht in einer Kurve, die wie von Geisterhand auf einem Monitor erscheint und sich stetig selbst weiterzeichnet. Nun ist der Mensch für einige Stunden überflüssig geworden. Und plötzlich kommen Lärm, staubig riechende Luft, Erschöpfung und die Gewissheit mindestens eine Mahlzeit vergessen zu haben zurück. Der Weg durch die Dunkelheit führt vorbei an monströsen Kabelrollen und halbfertigen Messgebäuden. Friedlich liegt das Gelände da, obwohl wahrscheinlich ein Großteil der hier einquartierten Gäste nicht weniger als 24 Stunden der täglichen Messzeit ausnutzt. Bis zur Mitter-nacht, wenn der Strahl nach einer kurzen Unterbrechung wieder erstarkt zurückkommt, kochen wir hastig Nudeln mit Tomatensoße, essen und holen etwas Schlaf nach. Dann geht es wieder zurück zum Bienenstock voll erkenntniswütiger Forscher, mit der Gewissheit am richtigen Ort zu sein.

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